Immer am ersten Freitag im Monat erscheint meine Familien-Kolumne im Sarganserländer. Hier eine Episode daraus…

Aus dem Leben mit Familie im Sarganserland, veröffentlicht im Sarganserländer 7. Oktober 2016

Eine Kolumne von Melanie Romer*001-kopie-3

Helene und Jon

Es hat mich erwischt! Kaum haben die Herbstferien begonnen, liege ich mit Fieber, Gliederschmerzen und Schnupfen flach. Ich liege – aber nicht im Bett. Ich liege auf dem Teppich im Kinderzimmer, auf der Bank am Esstisch und im besten Fall liege ich auf dem Sofa. Denn egal wie krank ich bin, als CEO der Familie geht es mir nicht besser als allen anderen CEO’s dieser Welt: Krank sein gibt’s nicht!
Da die Kinder unglücklicherweise Ferien haben, ganz im Gegensatz  zu mir, gäbe es hier eher mehr zu tun als es bei normalem Alltagsbetrieb üblich ist. Sahnehäubchen hat ihren Schwerpunkt betreffend Lieblingsbeschäftigung gerade vom Basteln zum Musizieren verlegt. Also klimpert sie leidenschaftlich und ausdauernd den ganzen Tag mit irgendwelchen Instrumenten herum. Dies provoziert nicht nur meine Kopfschmerzen, es strapaziert auch das Nervenkostüm ihrer beiden Brüder erheblich. Vor allem, da Sahnehäubchen ihr instrumentales Können mit dem Sound ihrer geliebten Helene Fischer CD kombiniert. „Davon ist Mama krank geworden“, witzelt Aureus gekonnt, „die singt ja sogar sie wolle immer wieder dieses Fieber spür’n.“  Primus vergeht bei Helene Fischer vollends der Humor. Er kennt keine Gnade und lässt Jon Bon Jovi in maximaler Lautstärke aus seiner neuen Stereoanlage ertönen, so dass Helene nicht nur atem- sondern auch bald sprachlos wird.  Mittendrin winsle ich vor mich hin und halte mir die Ohren zu.  Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, fehlt mir die Kraft. Ich muss es ertragen, sage ich erbarmungslos zu mir selber und torkle zum Medizinschrank.
Noch während ich in den Medikamenten wühle, um mich selbst zu retten, überfällt mich Aureus in typischer Art und Weise: „Mama, was macht eigentlich ein Einbrecher, wenn er nicht am Einbrechen ist? Also ist er dann auch ein Einbrecher? Oder ist er eigentlich nur ein Einbrecher, wenn er gerade einbricht? Also kann man einen Einbrecher nur erkennen, wenn er gerade einbricht? Ist er sonst getarnt als normaler Mensch? Wie weiss ein Einbrecher, ob er ein Einbrecher ist, bevor er zum ersten Mal irgendwo eingebrochen hat und wie weiss es die Polizei?“ Meistens habe ich auf all diese grossen Fragen eine kleine Antwort, aber jetzt? Ich ringe nach Luft und nach Worten. Da Helene Fischer und vor allem Bon Jovi es mir aber schon rein akustisch verunmöglichen etwas zu sagen, winke ich ab.
Es wird sowieso höchste Zeit, dass ich mich ums Mittagsessen kümmere. Angesichts der besonderen Situation beschliesse ich besondere Massnahmen. Zum ersten Mal seit die Kinder auf der Welt sind, kommen heute Ravioli aus der Büchse auf den Tisch. Entgeistert betrachten die Kinder die in der Tomatensauce schwimmenden Teigtaschen in ihren Tellern. Nur Papa ist angesichts der Ravioli hoch erfreut: „Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich solche gegessen habe“, schwärmt er und greift nach Herzenslust zu. Die Teller der Kinder bleiben derweil nicht nur unberührt, Aureus will auch noch wissen, woher das Fleisch in den Ravioli stammt. Für mich einmal mehr die Quittung der doch recht geglückten Erziehung. Trotzdem würde ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen, ob ich mit meinem heutigen Wissen nicht schon viel früher einmal Büchsen-Ravioli auftischen würde.

*Melanie Romer ist frei arbeitende Autorin und Lehrerin. Sie lebt mit ihrer Familie am Walensee. Das Familienlogo zeichnete Alice Guntli.

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